In dieser Folge
Letztes Wochenende habe ich mitten auf einer Radtour angehalten und mein KI-Abo verfünffacht. Von 20 auf 100 Dollar. Nicht wegen eines neuen Features — sondern weil mir eine Stunde nicht gereicht hat.
Der Grund dahinter ist keine Technik-Frage, sondern eine Chef-Frage: Die wichtigste Arbeit, die du als Geschäftsführer machst, hat keinen Termin im Kalender. Sie heißt Nachdenken — und dafür hast du meistens keinen Partner. Diese Folge ist der komplette Praxiseinblick, wie ich das geändert habe. Kein Tool-Ranking: Es geht nicht darum, womit ich arbeite, sondern wofür.
Hot News der Woche
- KI wird radikal billiger — OpenAI hat am 30. Juli die Preise zweier GPT-5.6-Modelle gesenkt, eines um 20 und eines um 80 Prozent, weil chinesische Anbieter bei ähnlicher Leistung deutlich günstiger sind. Heißt für dich: Deine Wirtschaftlichkeitsrechnung von vor sechs Monaten stimmt vermutlich nicht mehr, und ein Anwendungsfall, der damals „lohnt sich nicht” war, kann heute tragen. Nutz die niedrigen Preise — aber bau die Kalkulation nicht darauf, dass sie ewig bleiben.
- Europa wird zum Taktgeber — seit dem 2. August gelten die Transparenzpflichten des EU AI Act (Artikel 50). Am selben Tag hat Anthropic angefangen, Claude-Texte unsichtbar zu markieren — weltweit, nicht nur in der EU. Brüssel schreibt vor, Kalifornien liefert. Wichtig zur Einordnung: Das Wasserzeichen belegt die Verarbeitung, nicht die Autorschaft. Es beweist „hier war Claude beteiligt” — nicht „das hat kein Mensch geschrieben”.
- Die Marktführer kaufen Branchenwissen ein — Anthropic hat Anfang August einen promovierten Legal-AI-Forscher als ersten „Head of Claude for Legal” geholt, OpenAI parallel den Gründer eines der bekanntesten Vertragssoftware-Unternehmen. Wenn die zwei Stärksten ihr Modell allein nicht für ausreichend halten, gilt das für dich erst recht: Der Vorsprung liegt in dem Anteil deines Branchenwissens, der dokumentiert ist.
Korrektur zur Folge
Zwei Stellen, an denen ich mich in der Aufnahme vertan habe — hier richtiggestellt:
- Nvidia und OpenAI: Anders als in der Folge gesagt hat Nvidia OpenAI nicht bis zu 100 Millionen, sondern bis zu 100 Milliarden Dollar zugesagt.
- Wasserzeichen bei ChatGPT: Anders als in der Folge gesagt hat OpenAI nie ein Text-Wasserzeichen ausgerollt. Die Technik wurde entwickelt, der Rollout aber verworfen — unter anderem, weil rund 30 Prozent der befragten Nutzer angaben, ChatGPT dann weniger zu nutzen, und weil sich Wasserzeichen durch Umformulieren oder Übersetzen entfernen lassen. Die unsichtbaren Unicode-Zeichen, die 2025 in ChatGPT-Texten auffielen, sind laut OpenAI ausdrücklich kein Wasserzeichen. Anthropic ist damit der erste Anbieter, der so etwas produktiv ausrollt.
Deep Dive — Denken ist Chefsache, und du machst es allein
Es gibt drei Sorten Geschäftsführer-Arbeit. Fürs Ausführen gibt es Mitarbeiter. Fürs Entscheiden gibt es Zahlen und KPIs. Fürs Denken gibt es — niemanden.
Genau da hakt es. Mitarbeiter widersprechen dem Chef nicht ehrlich und sehen die Gesamtlage nicht. Einen Beirat oder Mitgeschäftsführer haben längst nicht alle. Externe Berater sind teuer, langsam und brauchen drei Sitzungen für den Kontext. Und der Partner zu Hause will es abends nicht hören. Dazu kommt: Denkarbeit steht bei kaum jemandem als Termin im Kalender — und wird deshalb immer verschoben, weil das Operative lauter ist.
Was ich gemacht habe
Über vier Tage verteilt — Sonntag auf dem Fahrrad, danach im Auto und morgens vor dem Büro — habe ich mit dem neuen Sprachmodell GPT-Live-1 gesprochen. Kein Notizblock, keine Hand am Handy, keine einzige Zeile mitgeschrieben.
Der technische Unterschied lässt sich in einem Bild erklären: Früher war Sprachsteuerung ein Walkie-Talkie — du redest, dann bist du still, dann verarbeitet die Maschine, dann kommt die Antwort. Jetzt läuft beides gleichzeitig, wie bei einem Menschen. Und es hält aus, dass du eine Minute nachdenkst, ohne dazwischenzureden. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich gesagt habe: „Sei mal leise und lass mich ausreden.” Das hatte ich mit einem Sprachmodell noch nie gemacht.
Was dabei herauskam
Vorher war meine Beschreibung unserer Sales Engine eine Technik-Sicht: eine Software, die analysiert, Dashboards zeigt, Gespräche dokumentiert und transkribiert. Nach den Sessions stand da etwas anderes — und zwar das, was wir tatsächlich tun:
Eine agentische Lösung, die auf allen drei Rollenebenen — Geschäftsführer, Vertriebsleiter, Sales Rep — Arbeit abnimmt, automatisiert und hilft, bessere Vertriebsentscheidungen zu treffen.
Darum geht es im Vertrieb: bessere Entscheidungen treffen. Und der Treppenwitz dabei: Ich habe mit einem Sparringspartner herausgearbeitet, dass unser eigenes Produkt ein Sparringspartner sein soll. Methode und Ergebnis sind dasselbe Prinzip.
Dazu kamen acht ausgearbeitete Blöcke, priorisierte Ideal Customer Profiles und die Hebel für die nächsten zwölf Wochen.
Der zweite Anwendungsfall: vom Kundenmeeting ins Angebot
In Erstgesprächen läuft bei uns — mit Zustimmung des Kunden — ein Notetaker mit. Wir arbeiten heraus: Wo liegen die Herausforderungen? Wie wird das Problem aktuell gelöst? Wie wird gemessen, ob es funktioniert? Wer arbeitet daran?
Statt ein 30-seitiges Textangebot zu bauen, bleibt das Angebot selbst schlank: eine Position, ein Preis. Die komplette Ausarbeitung wandert in ein separates Leistungsverzeichnis, das aus dem Transkript entsteht.
Der eigentliche Hebel ist dabei nicht die Geschwindigkeit. Weil wir jedes Projekt auswerten — was lief gut, was nicht, was war das Ergebnis — kann das Modell mich challengen: „Ihr hattet einen ähnlichen Fall. Das hat funktioniert, das nicht. Also musst du anders kalkulieren.” Früher habe ich das aus dem Bauch gemacht. Heute ist es ein Schwungrad, das mit jedem Projekt schärfer wird.
Der Wert entsteht nicht durch das KI-Modell. Er entsteht durch die eigene, dokumentierte Erfahrung, auf die das Modell zugreifen kann.
Zum Selbermachen
So führst du ein Strategiegespräch mit einem Sprachmodell
Die Schritte aus dem Deep Dive: So machst du aus einer Autofahrt oder einer Radtour eine echte Strategiesession — ohne Notizblock, ohne Extra-Termin im Kalender. Der Unterschied liegt nicht im Modell, sondern in vier, fünf Sätzen, die du am Anfang sagst.
- 1
Setz ein glasklares Ziel — bevor du losfährst
Nicht „lass uns über Positionierung reden“, sondern das konkrete Ziel dieser Session: „Ich habe ein 12-Wochen-Ziel. Das ist das Umsatzvolumen, das ist die Anzahl Neukunden, das sind die Produktfeatures.“ Auf dieses Ziel kannst du dich im Gespräch immer wieder berufen — und das Modell versteht, woran es festhalten muss.
- 2
Fordere Kürze ein
„Hol nicht aus. Erklär mir nicht die Welt. Mach es kurz und knackig — und bitte nicht technisch.“ Zuhören ist anstrengend. Dreiminütige Absätze im Ohr killen die Session. Das ist kein Stil-Wunsch, sondern die Bedingung dafür, dass du zwei Stunden durchhältst.
- 3
Stell die Rolle um: Fragen statt Antworten
„Wichtig ist, dass du mir auf dieser Basis Fragen stellst und mit mir zusammenarbeitest, damit wir eine gute Qualität erreichen. Du musst mir aber gezielte Fragen stellen.“ Ohne diesen Satz bleibt das Modell im Antwort-Modus und referiert. Mit ihm wechselt es in den Frage-Modus — und erst dann wird es ein Sparring.
- 4
Immer nur eine Frage
„Stell mir immer nur eine Frage. Ich antworte, dann stellst du die nächste.“ Das ist die Regel, die den Unterschied macht. Ohne sie kommen fünf Fragen auf einmal — und wenn du bei der fünften bist, weißt du die erste nicht mehr. Unterwegs kannst du auch nicht nachlesen, weil du das Handy nicht in der Hand hast.
- 5
Bau einen Plan als Leitplanke
„Lass uns einen Plan ausarbeiten, an dem wir langgehen.“ Sprachmodelle sind Meister darin, von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen — sie finden Dinge, an die du im Entferntesten nicht gedacht hast. Mit einem Plan kannst du jederzeit zurückfragen: Sind wir noch am Ziel, oder haben wir uns verrannt? Alles andere lässt du als Notiz für eine spätere Session festhalten.
- ✓
Nichts mitschreiben — am Rechner abholen
Unterwegs bleibt die Hand am Lenker. Erst am Schreibtisch holst du die Ernte: „Wir haben acht Blöcke besprochen. Lies alles noch mal ein, fass jeden Block zusammen und challenge ihn.“ Danach pro Block ein verdichtetes Informationsblatt — und zwar jeden Block in einem eigenen Durchgang, damit der Kontext nicht verloren geht.
Die sechs Fallen: Kopf anlassen — für die erste Einordnung hilft es, als Wahrheit taugt es nicht. Das Rabbit Hole. Fehlende Marktrealität: Vorschläge, die in den USA funktionieren, tragen im deutschen Mittelstand oft nicht. Es stimmt dir zu gern zu — frag aktiv: „Habe ich einen blinden Fleck?“ Vertraulichkeit: hochvertrauliche Themen und Personalentscheidungen gehören da nicht rein. Und der wichtigste Punkt: Auf dem Fahrrad entsteht ein Entwurf, keine Entscheidung. Die Entscheidung fällt am Schreibtisch, mit Zahlen.
Das Take-Home
Der Engpass ist nicht deine Zeit. Der Engpass ist, dass du beim Denken allein bist.
Nimm die eine Entscheidung, die du seit Wochen vor dir herschiebst. Nächste Fahrt über 30 Minuten: Kopfhörer rein, Ziel ansagen, die drei Sätze mitgeben — Fass dich kurz. Stell mir Fragen statt Antworten. Immer nur eine Frage. Am Rechner holst du die Zusammenfassung ab. Kosten: ein Abo und eine Fahrt, die du sowieso machst.
Erwähnt in dieser Folge
- GPT-Live-1 – das neue Sprachmodell von OpenAI: hört und spricht gleichzeitig, statt im Walkie-Talkie-Wechsel
- Wispr Flow – die Diktier-App am Rechner, Sprache zu Text in eine Richtung
- Claude / Anthropic – Wasserzeichen für KI-Texte seit dem 2. August, dazu der neue „Head of Claude for Legal”
- Mistral – französischer Anbieter mit eigenem EU-Endpunkt, gegen rund 10 Prozent Aufschlag
- Nvidia – Stichwort Zirkelfinanzierung: der Chiphersteller finanziert die eigene Nachfrage
- Folge 11 — KI auf Pump – die ausführliche Einordnung, wer am Ende die Zeche zahlt
- Folge 12 — Mein KI-Tool-Stack – womit ich arbeite, und die Einordnung zur KI-Kennzeichnungspflicht
Kapitelmarken
- 00:00:00 Ich habe mein KI-Abo auf dem Fahrrad verfünffacht
- 00:01:14 News 1: KI wird radikal billiger
- 00:05:14 News 2: Europa wird zum Taktgeber
- 00:08:46 News 3: Marktführer kaufen Branchenwissen ein
- 00:11:20 Fürs Denken hast du keinen Sparringspartner
- 00:13:43 Auf dem Fahrrad: reden statt tippen
- 00:16:01 12-Wochen-Ziel im Dialog — und das Rabbit Hole
- 00:18:21 Nichts mitschreiben, am Rechner abholen
- 00:22:18 Die fünf Regeln der Gesprächsführung
- 00:28:13 Was dabei herauskam: die neue Positionierung
- 00:31:20 Vom Kundenmeeting zum Angebot
- 00:36:44 Wo du anfängst — konkrete Einsatzfelder
- 00:39:39 Die sechs Fallen
- 00:42:01 Outro
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